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Zucht: Landgestüt Dillenburg ist bald Vergangenheit

reithaus 7676 llh andreas rogoczReithaus des Landgestüts Dillenburg nach der Sanierung 2015. Foto: Landgestüt Dillenburg/Andreas Rogocz

Zweibrücken, Prussendorf und Dillenburg - Krise deutscher Landgestüte geht weiter

Dillenburg. An der Wilhelmstraße 24 im mittelhessischen Dillenburg gehen im ansässigen Landgestüt wohlmöglich bald die Lichter aus. Das Umweltministerium in Wiesbaden teilte am Montag dieser Woche mit, dass das 1869 gegründete Preußische Hessen-Nassauische Landgestüt und heutige Hessische Landgestüt Dillenburg schon bald ein Thema für die Chronisten sein wird. Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) führte unter anderem an, dass die Hengsthaltung im Sinne eines effektiven Tierschutzes nicht tragbar und die baldige Schließung beschlossen sei. Auch die finanzielle Situation ist seit Jahren prekär, rote Zahlen gehören zum Staatsbetrieb Landgestüt. Die 30 bis 35 Mitarbeiter sehen einer ungewissen Zukunft entgegen.

Ein warmer Geldsegen aus Landesmitteln folgte 2011 aufgrund der Zusage einer Investition von 2,5 Millionen Euro, zweckgebunden für die Sanierung des historischen Reithauses. Die Sanierungsmaßnahmen begannen im Juli 2011 und konnten nach zwei Jahren beendet werden.

Wie vergänglich warme Politikerworte sind, spiegeln sich in Äußerungen der ehemaligen Staatssekretärin Dr. Luise Hölscher aus dem Hessischen Ministerium der Finanzen (August 2010 bis Juli 2013) wider. Beim Besuch im April 2013 erklärte sie in einer Pressemitteilung:

Tradition und Moderne gehen im Hessischen Landgestüt eine wunderbare Verbindung ein“, und weiter heißt es, „die Hessische Landesregierung hat den Wandel hin zum modernen Pferdesportzentrum unterstützt, indem wir dem Landgestüt zur Sanierung des Reitplatzes im vergangenen Jahr Fördermittel in Höhe von 200.000 Euro zur Verfügung gestellt haben. Auch die weiteren Sanierungen auf dem Gelände schreiten voran, davon konnte ich mich heute überzeugen. Die regelmäßigen Erfolge des Gestüts bei Pferdezucht und Ausbildung bestätigen, dass die Investitionen des Landes hier gut und zukunftsgerichtet angelegt sind (...) die Landesregierung wird auch weiterhin aufmerksam die Entwicklung des Landgestüts als Leuchtturm des hessischen Pferdesports verfolgen und unterstützend begleiten.“

Drei Monate später wechselte die Pferdebesitzerin und Reiterin zur Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung an, Posten: Vizepräsidentin (Vice President and Chief Administrative Officer).

07. März 2010 - Hess. Ministerium: „Niemand hat die Absicht, Dillenburg dicht zu machen!“

meldung psz

Dass im Dillenburger Rathaus die Stimmung nicht besonders rosig ist, liegt auf der Hand, gehört doch das Landgestüt mit seinen vielfältigen Programmpunkten zu den attraktiven Elementen im Jahreskalender von Kultur und Tourismus - und dieses seit Jahrzehnten.

Dillenburgs Bürgermeister Michael Lotz (CDU) scheint noch ein wenig Hoffnung zu haben. Lotz schickte an Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) eine Art Brandbrief: „Es wird sehr ernst!“ In wie weit Parteifreund Bouffier mit einer Lösung aufwarten kann, steht für die volkssprichwörtliche Redensart „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Und ob die alle zwei Jahre stattfindende Hengstparade im September ausgerichtet wird, ist ungewiß. In der Übersicht der Veranstaltungen und Termine des Landgestüts ist diese Traditionsveranstaltung nicht aufgeführt.

Ob die über die Landesgrenzen Hessens hinaus bekannten Dillenburger Reithauskonzerte mit Werken von Wagner, Mendelssohn-Bartholdy und Tschaikowsky einen Fortbestand im historischen Reithaus haben, ist ebenfalls fraglich. Übrigens, das nächste Konzert findet am kommenden Samstag statt. Karten sind noch in begrenzter Anzahl vorhanden, Auskunft im Ressort für Kultur, Sport und Tourismus der Stadt Dillenburg:

  • Telefon: 0 27 71 / 896-151
  • E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

konzert dillenburg

Für Andreas Sandhäger, Vorgesetzter des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) mit Sitz in Kassel, der für das Landgestüt Dillenburger zuständig ist, wird auf der Onlineseite www.mittelhessen.de wie folgt zitiert: „Wir müssen jetzt – eins nach dem anderen – sortieren, was im Landgestüt ansteht.“ Sandhäger spricht von von einem „zeitlichen Horizont von einem Jahr“.

Zweibrücken immer noch nicht aus dem finanziellen Tief

Das Landgestüt Dillenburg ist nun die dritte züchterische Einrichtung dieser Art, die offenbar reichlich Probleme hat. Auch das Land Rheinland-Pfalz hat sich 2008 vom Besitzstatus des Landgestüts Zweibrücken verabschiedet. Das von Herzog Christian IV. von Zweibrücken 1755 gegründete Gestüt zur Zucht des Zweibrücker Pferdes hatte gute und weniger gute Zeiten zu überstehen. Und wie so oft sind es die finanziellen Zwänge, die auch in Zweibrücken für unruhige Zeiten sorgten. Nach sorgfältigen Überlegungen der Landesregierung Rheinland-Pfalz verlor das traditionsträchtige Landgestüt den staatlichen Status und wurde 2007 an die Stadt Zweibrücken übergeben. Die Stadt gründete die Stiftung Landgestüt Zweibrücken mit Besitzrechten am Gelände und an den Gebäuden. Im weiteren Verfahren verpachtete die Stiftung das Areal an die Landgestüt Zweibrücken GmbH, die am 20. Juli 2007 beim Amtsgericht Zweibrücken mit einem Kapital von 50.000 Euro registriert worden ist. Die GmbH-Anteilseigner der GmbH sind Pferdezuchtverbände (64 %), die Stadt Zweibrücken (26 %) und der Reit- und Fahrverein Zweibrücken (10 %).

Auch in Zweibrücken droht aktuell dem Gestüt der finanzielle Kollaps. Laut einem Bericht des Südwestrundfunks (SWR) soll ab 2018 der Betrieb neu verpachtet werden. Die Stadtoberen von Zweibrücken wollen eine europaweite Ausschreibung auf den Weg bringen, um die nötigen Mittel für den weiteren Betrieb für eines der ältesten Gestüte Europas zu sichern. Oberbürgermeister Kurt Pirmann (SPD) hofft darüber hinaus auf weitere Geldgeber, um das Gestüt zu erhalten, letztendlich ist die Stadt mit ihren 26 Prozent am Fortbestand interessiert.

Privatisiertes Landgestüt Prussendorf immer noch ein Wackelkandidat

Übernommen hat seit Januar 2017 Dr. Willy Boß als neuer Geschäftsführer die Zügelführung der Landgestüt Sachsen-Anhalt GmbH, alleiniger Gesellschafter ist seit dem Frühjahr 2014 das Land Sachsen-Anhalt. Vor der Privatisierung wurde bedingt durch die desolate Finanzlage ergebnislos ein Käufer gesucht. Wirtschaftlicher als bislang zu arbeiten, lautete die Vorgabe der GmbH, mit dem gedanklichen Kerngeschäft hochwertige Hengste für die Zucht zu halten, der Betrieb einer Besamungsstation sowie den Erhalt von Rassen und die Ausbildung von Pferdewirten.

Trotz vielen Bemühungen, das privatisierte Landgestüt zu konsolidieren, hat laut der Fraktion SPD/Grüne im Landtag von Sachsen-Anhalt zu einem jährlichen Subventionsbedarf von mehr als 600.000 Euro geführt, der teilweise durch Quersubventionierung aus dem Ackerbau gedeckt wurde. Die Pensionspferdehaltung sei der Nachrechnung nicht kostendeckend. 250 Euro hat ein Pferdebesitzer pro Monat zu bezahlen, notwendig wären eine monatliche Boxenmiete 350 Euro - alles andere ist eine Subventionierung durch den Steuerzahler.

Für Geschäftsführer Willy Boß ist es eine gewaltige Gratwanderung, das Gestüt zu erhalten. Ob es zu drastischen Kürzungen kommen könnte, daran mag der jetzige Hoffnungsträger gar nicht denken. Im Onlineportal www.mz-web.de wird der promovierte Landwirt wie folgt zitiert: „Man stelle sich vor, das Gestüt dicht zu machen. Das wäre eine Katastrophe, dafür stehe ich nicht zur Verfügung. Ich versuche, die Mitarbeiter mitzunehmen, zu erläutern, zu überzeugen. Das ist eine Frage des Stils.“

Und wie so oft liegt auch in Sachsen-Anhalt die Entscheidung in der Causa Prussendorf in den Händen und Launen der politischen Kräfte. Findet sich eine Mehrheit für den Doppelhaushalt 2017/2018, kann in Prussendorf erst einmal durch geatmet werden. Allerdings, und das ist die ganz bittere Pille, müssen in diesem Jahr und in 2018 Gewinne in Millionenhöhe ausgewiesen werden. Eine solche Illusion zu erreichen, wird nicht mit Decksprüngen, Pensionspferdehaltung, Reitunterricht oder sonstigen Umsätzen zu generieren sein. Dann wird man wohl oder übel auf das Tafelsilber zurückgreifen - gezielte Verkäufe von Ackerflächen, was immer auch darauf gebaut wird.

Fazit

Es sind unruhige Schilderungen der hier geschilderten Situationen: Zweibrücken, Prussendorf und Dillenburg. Auch wenn der Vergleich hinken mag, aber es ist wie ein schleichendes Krebsgeschwür, das sich durch die Strukturen der traditionsreichen hippologischen Einrichtungen frisst. Und eine optimale Lösung ist schwer vorstellbar.

Einerseits, aus der Sicht der Landesrechnungshöfe und den Oppositionen der Landesregierungen, sind in den heutigen Zeiten der staatliche Unterhalt von Landgestüten ein mehr als kostspieliges Vergnügen. Und zieht man in diesem Zusammenhang eine Verbindung zum derzeitigen Skandal im Warendorfer Landgestüt, wo am 7. März diesen Jahres die früheren Leiterin des Landgestüts, Susanne Schmitt-Rimkus, und zwei weitere Mitarbeiter fristlos gekündigt wurden, darf man sich über Pro und Kontra Landgestüte nicht wundern. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der Causa Warendorf wegen Korruption, steuerrechtlicher Vergehen und anderer Vorwürfe, darunter Geschäfte mit den USA.

Andererseits wäre es schade, wenn diese wertvollen Kulturgüter hippologischer Kernkompetenz, auch wenn man diese unterschied bewerten mag, mehr und mehr von der Bildfläche verschwinden würden.