| SWR-Beitrag über Tierschutz im Pferderennsport | | Drucken | |
| Sport - Rennsport | |||
| Geschrieben von: Albrecht Woeste | |||
| Samstag, 31. Juli 2010 um 19:15 | |||
Offener Brief von Galopper-Präsident Albrecht Woeste30. Juli 2010 An den Betr.: „report“-Sendung vom 19. Juli 2010, Beitrag über Tierschutz im Pferderennsport Sehr geehrter Herr Frey, es hat uns durchaus gefreut, Ihre Kollegen Frau Timm und Herrn Reutter auf der Galopprennbahn in Hamburg-Horn kennenzulernen. Wir haben den Kontakt als wirklich angenehm empfunden, der gesendete Beitrag und noch mehr das Autorengespräch im Internet haben uns dagegen weniger Freude gemacht. Beides offenbarte, dass Ihre Kollegen vielen unserer Ausführungen keinen Glauben geschenkt haben, was wir so nicht verstehen und sehr bedauern. Freilich ist uns aber klar, daß man, wenn man uns schon nicht glauben will, mit entsprechend bösem Willen noch einen viel tendenziöseren Beitrag hätte erstellen können, als das hier geschehen ist. Doch das ist kein starker Trost. Der Tierschutzbereich ist eines der Themen, bei denen Medien und Öffentlichkeit dazu neigen, die übliche Unschuldsvermutung außer Kraft zu setzen und zu unterstellen, daß schon „etwas dran“ sein werde. Schön ist es nicht, wenn man erleben muß, daß ein öffentlich-rechtlicher Sender mit solchen Angriffen das stoffliche Sommerloch bekämpft. Insofern sind wir doch enttäuscht und betrübt. Gerade wir im Galopprennsport haben uns mit dem Thema Tierschutz seit Jahrzehnten intensiv und im internationalen Schulterschluß mit anderen Veranstaltern und Verbänden auseinandergesetzt und unsere Regeln und Praktiken darauf eingestellt. Wie Sie wohl gesehen haben, verheimlichen wir auch nichts, da wir der Meinung sind, uns sehr tierschutzgerecht zu verhalten. Zwei Dinge sind unumstößlich:
Zu den wirtschaftlichen Hintergründen können wir Ihnen mitteilen, daß ein Pferd wie Deep Sleep in seinem bisherigen Leben Kosten von ca. 60.000 Euro verursacht haben dürfte. Die Brutto-Gewinnsumme des Pferdes von 2005 bis heute beträgt 18.070 Euro (netto ca. 14.000 Euro), in diesem Jahr bei sechs Starts bisher insgesamt 350 Euro. Für Profitgier ist dieses Rennpferd wie fast alle anderen auch wahrlich kein taugliches Objekt und es braucht nicht angenommen zu werden, daß seinem Besitzer dies bei den bisherigen fast 50 Starts nicht schon klar geworden ist. Es dreht sich im Pferderennsport keineswegs alles nur um Gewinnerzielung. Zu weiteren in dem Beitrag gemachten Vorwürfen: Es wird gesagt: „Die Stallungen auf der Rückseite der Rennbahn. Hier kommen die Besucher nicht hin. Viele Rennpferde müssen 23 Stunden am Tag in Boxen stehen. Ins Freie kommen sie nur zum Training oder Rennen.“ Dazu werden Bilder gezeigt, von Pferden, die aus den Oberteilen ihrer Stallboxen in die Sonne schauen, sich gegenseitig sehen und miteinander kommunizieren. Diese Haltungsform wird bei fast sämtlichen der ca. 250.000 Galopprennpferde in ca. 85 Ländern der Welt praktiziert und wird von Rennsport-Fachleuten wie Tierärzten für richtig gehalten. Wo die räumlichen und personellen Möglichkeiten bestehen, werden die Pferde gerne auch am Nachmittag auf Laufkoppeln gestellt oder im Freien geführt. Wie Sie selbst in dem Beitrag formulieren, hat „Pick Tierschutz-Leitlinien für den Pferdesport mit verfaßt“. Es sind dies die Leitlinien einer Sachverständigengruppe des Bundeslandwirtschaftsministeriums und es wird Sie interessieren, was diese Leitlinien für die Haltung von Rennpferden vorschlagen. Als EINZIGE Haltungsform für Rennpferde enthalten die Leitlinien die Haltung in Einzelboxen. Die Beurteilung dazu lautet ausdrücklich: „gut geeignet, Auslauf wird empfohlen“. Koliken sind Beschwerden des Verdauungstraktes von sehr unterschiedlicher Schwere. Eine der sehr vielfältigen Ursachen für Kolik kann Stress sein, das trifft zu. Bei ausgewogener Darstellung ist aber zu sagen, daß Koliken zahlreiche andere Auslöser haben können und keineswegs gehäuft im Rennbetrieb vorkommen, sondern möglicherweise sogar in unterdurchschnittlicher Häufigkeit. Koliken kommen in allen reitsportlichen Disziplinen vor, in Zuchtbetrieben und auch auf jedem Ponyhof. Die Behauptung: „52 bis 100 Prozent der Pferde leiden an Magengeschwüren“, wird von unseren tierärztlichen Beratern heftig bestritten. Zunächst ist die Bezeichnung „Magengeschwür“ im Vergleich mit der Nomenklatur der Humanmedizin möglicherweise etwas dramatisierend. Vor allem aber: Wenn gerade über Rennpferde auf Grund ihrer sehr regelmäßigen und intensiven tierärztlichen Betreuung Daten erhoben werden können, bedeutet dies nicht im geringsten, daß bei Rennpferden eine Abweichung vom Durchschnitt nach oben vorliege. Von Pferden mit weniger intensiver tierärztlicher Überwachung liegen nur weniger auswertbare Erkenntnisse vor. Veterinäre sagen, daß Magengeschwüre bei allen Haltungsformen der Pferde vorkommen, größtenteils fütterungsbedingt sind, in der Mehrzahl der Fälle nicht von dramatischer Bedeutung sind und leicht behandelt werden können. Besonders zu beachten ist: Nach Auskunft unserer veterinärmedizinischen Kommission wurde die von Ihnen zitierte Studie vom Hersteller des einzigen marktüblichen Medikaments gegen Magengeschwüre (Gastrogard/Omeprazol) finanziert. Wir überlassen es Ihrer eigenen Würdigung, wie sehr Sie einer solchen Studie vertrauen mögen, müssen Ihnen aber mitteilen, daß KEINER der von uns befragten Tierärzte auch nur annähernd die genannten Zahlen für realistisch hält. Der renommierte Veterinär Dr. Thomas Weinberger, Inhaber einer bedeutenden Klinik für Pferde, schreibt uns: „Meine Erfahrungen liegen bei 20-30 Prozent Gastritis, unter 5 Prozent richtige Magengeschwüre.“ Ihre Berufung auf eine Liste toter Pferde auf der website www.galopper-forum.de ist gänzlich abwegig, denn diese von passionierten Rennsportliebhabern geführte, etwas willkürliche Liste enthält teilweise die Namen von bedeutenden ausländischen Deckhengsten, die seit vielen Jahren nicht mehr im Rennbetrieb waren und eines natürlichen Todes gestorben sind. Einige Beispiele sind grotesk, so das des vielleicht besten Rennpferdes der Turfgeschichte, Secretariat. Das ist ein US-amerikanischer Hengst, der 1970 geboren wurde und 1989 in Kentucky starb. Ähnlich der in dieser Liste enthaltene englische Deckhengst Singspiel, der Deutschland ebenfalls nie betreten hat, und in diesem Jahr in England 18jährig wegen einer unheilbaren Erkrankung eingeschläfert werden mußte. Immerhin wenigstens ein deutsches Pferd ist der ebenfalls aufgeführte Deckhengst Sternkönig, der vor einigen Wochen nach einem Weideunfall 20jährig eingeschläfert werden mußte, nachdem er bei langjährig strahlender Gesundheit in einem der schönsten deutschen Gestüte 279 Nachkommen gezeugt hatte. Welche Mißstände soll das Ableben dieser Pferde belegen??? Es ging uns darum, mit diesem Schreiben wenigstens einigen der gröbsten in dem Sendebeitrag und dem Autorengespräch enthalten Schnitzern zu unseren Lasten ausdrücklich zu widersprechen, damit niemand sagen kann, wir hätten nicht reagiert und somit diese Vorwürfe vielleicht sogar akzeptiert. Es würde uns sehr freuen, wenn Sie und/oder Ihre Kollegen bei weiteren Besuchen auf der Rennbahn die Gelegenheit suchen würden, sich von den tatsächlichen und in großer Mehrzahl sehr guten Haltungs- und Pflegezuständen im Galopprennsport zu überzeugen und dementsprechend ein positives Verhältnis zu diesem wunderbaren, ursprünglichen und überzeugenden Sport gewinnen würden. Mit freundlichen Grüßen Albrecht Woeste
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