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Über 350 Ausbilder besuchten den FN-Kongress „Kindgerechter Reitunterricht“

Altersgerechte Ausbildung muss vielseitig und spielerisch sein

Warendorf (fn-press). Vom Blick über den Tellerrand zur Innensicht, vom Abstrakten zum Konkreten, von der Theorie zur Praxis: Das alles bot der Kongress „Kindgerechter Reitunterricht“ der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) Ende November in Warendorf. Ein Thema, das auf großes Interesse stößt, wie die Besucherzahl beweist: 350 Ausbilder suchten Information und Inspiration.

Zum Einstieg gab es sportwissenschaftliche Grundlagen von Prof. Dr. Thomas Jaitner, Arbeitsbereich Bewegung und Training am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Uni Dortmund. „Koordinative und konditionelle Fähigkeiten sind die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt bestimmte Bewegungen ausführen können“, sagte Jaitner, wobei er die koordinativen Fähigkeiten wie Gleichgewicht, Rhythmisierung, Reaktion, Differenzierung oder Orientierung bedeutender für das Bewegungslernen sah als die konditionellen (Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit). Diese konditionellen Fähigkeiten stellen jedoch eine ganz wichtige Grundlage zur Entwicklung der für das Reiten so bedeutsamen Koordination dar. Sowohl Koordination als auch Kondition müssen deshalb gefördert werden. „Die koordinativen Fähigkeiten sind „von klein auf“ gut trainierbar und müssen in allen Altersphasen trainiert werden. Hier gibt es kein „zu früh“, aber ein „zu spät“.“ Vielfältige Bewegungsformen und Bewegungskombinationen sorgen für den „Bewegungsschatz“ eines Menschen.

Wie eine konsequente Ausrichtung des Trainings auf die Altersphasen von Kindern und Jugendlichen aussieht, machten Renate Schubert und Dietrich Späte vom Deutschen Handballbund deutlich. Bereits Anfang der 1990er Jahre begannen die Handballer ihre Verbands- und Ausbildungsstrukturen auf die kindgerechte motorische Grundausbildung umzustellen. „Die Lebensbedingungen der Kinder haben sich stark verändert“, sagte Renate Schubert, ehemalige Jugendnationaltrainerin und Dozentin an der Uni Bielefeld. Mit Folgen für die motorische Entwicklung der Kinder und Herausforderungen für die Trainer. Nicht nur müssen diese mit den motorischen Defiziten des Nachwuchses klar kommen, auch stellt das Training von Kindern besondere Anforderungen. Es geht weniger um die fachliche Vermittlung einer Sportart und ihrer spezifischen Technik. „Training muss Spaß machen und Kinder brauchen Erfolgserlebnisse“, sagte Dietrich Späte, Präsident der Trainer- und Methodik-Kommission der Internationalen Handball-Föderation. Dazu gehört auch das Leitbild, dass Kinder keine Fehler machen, sondern Bewegungserfahrungen sammeln. Das Training von Kindern muss spielerisch sein. „Es geht um ausbildungsorientiertes statt ergebnisorientiertes Coachen“, beschrieb Dietrich Späte die Aufgabe des Ausbilders.

Um kindgerechten Reitunterricht ging es im Vortrag von Pferdewirtschaftsmeisterin Lina Otto und Sportwissenschaftlerin Dr. Meike Riedel. Auf den theoretischen Input ihrer Vorredner aufbauend, widmeten sich die beiden Autorinnen des gerade neu im FNverlag erschienenen Buches „Kinderreitunterricht – kreativ und vielseitig gestalten“ den kindlichen Entwicklungsphasen, deren Auswirkungen auf den Reitunterricht sowie dem Thema Sicherheit. Im Fokus standen dabei drei Altersgruppen: Kindergartenkinder im Alter von vier bis sieben, Grundschulkinder im Alter von sieben bis zehn und Schulkinder im Alter von zehn bis zwölf Jahren. Die veränderte Bewegungswelt von Kindern in unserer Gesellschaft und die Auswirkungen auf den Reitunterricht, machte Dr. Meike Riedel noch einmal deutlich: „Der Mensch ist körperlich auf Bewegung programmiert, aber das eigentliche Spielkind wird in unserer heutigen Gesellschaft mehr und mehr zum Sitzkind. Der Anteil von Kindern mit motorischen Defiziten hat zugenommen“, sagte sie. Damit müsse der Reitlehrer umzugehen wissen. Wenn Kinder heutzutage keine Rolle vorwärts mehr können, so hat dies auch Auswirkungen auf die Verletzungsgefahr im Falle eines Sturzes vom Pferd. Eine vielseitige Grundausbildung, die auch die motorischen Fähigkeiten fördert, ist somit in Punkto Sicherheit die beste Prävention. Das sieht auch Lina Otto so. Ihr Credo lautet „aktiver Schutz vor passivem Schutz“. Entsprechend sieht sie eine Schutzweste allenfalls als ergänzende Schutzmaßnahme. Viel wichtiger sei es, Losgelassenheit und Gleichgewicht zu schulen und beispielweise methodische Übungen zum (Ab-)Rollen in den Unterricht zu integrieren.

Wie kreativ und abwechslungsreich die Reitausbildung sein kann, erlebten die Gäste des Kongresses beim Vortrag von Ulrike Mohr. Ihre Kinderreitschule ursprünglich mit zwei Shetlandponys begonnen, führt die Pferdewirtschaftsmeisterin aus Hessen mittlerweile zwei erfolgreiche Betriebe, in denen rund 1.000 Kinder pro Woche den Umgang mit Pferden und Ponys erlernen. „Für uns steht das Reiten nicht im Vordergrund“, berichtet Ulrike Mohr. Entsprechend gibt es neben Stationen, an denen geritten wird, auch Stationen, an denen die Kinder beispielsweise durch Rollenspiele Pferdekrankheiten kennenlernen. Dabei darf ein Kind ein Pferdekostüm anziehen und eine Krankheit schauspielerisch darstellen, während die anderen Kinder diese erraten müssen. Spielerisch prägen sich die theoretischen Inhalte so ein. „Kinder lernen über Handeln und Tun, über Bilder und Geschichten“, begründet Ulrike Mohr ihr Lernkonzept und schüttete ein Füllhorn methodischer Ideen aus, die man auch in Videos sehen kann, die über das FN-Trainerportal im Internet allen Interessierten kostenfrei zur Verfügung stehen. Bei den Kongressbesuchern kam dies gut an. Noch lange nach ihrem Vortrag war sie von einer Menschentraube umringt und beantwortete im Gespräch geduldig alle Fragen.

„Mit solchen Ausbildern, wie wir sie heute erlebt haben, sind wir in der Lage, solche Ausbildungskonzepte voranzutreiben. Deshalb kann es davon gar nicht genug geben. Und deshalb sind wir auch weiterhin auf der Suche nach Ausbildern oder Leitern von Kinder- bzw. Ponyreitschulen, die mit uns dieses Thema vorantreiben wollen, weil wir erst am Beginn der Entwicklung eines funktionierenden Netzwerkes sind“, appellierte Thies Kaspareit, Leiter der FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft, an die 350 Ausbilder und wies auch auf die diversen Möglichkeiten der Traineraus- und Fortbildung hin, die sich mit der Zielgruppe Kinder beschäftigen. Dass „Kinderreitunterricht“ zu Recht ganz oben auf der Verbandsagenda steht, zeigt die Nachfrage nach allen Angeboten der FN zu diesem Thema. „Ich bin überzeugt davon, dass dieser Kongress nicht das letzte Angebot von uns für die vielen interessierten Ausbilder an der Basis ist“, sagte Maria Schierhölter-Otte, Leiterin der Abteilung Jugend.

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